Die Sache mit der Erziehung

Früher wollte ich immer "irgendetwas Pädagogisches" machen. Meinen Dienst an der Menschheit verrichten, womöglich irgendetwas ändern.
Englisch und Pädagogik als Leistungskurse; Deutsch als drittes, Mathematik als viertes Abiturfach.

Heute bin ich Fachinformatikerin Anwendungsentwicklung. Ich arbeite "irgendetwas mit Computern", schreibe Programmcode, bewege mich in virtuellen Welten.

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Es klingelte an der Tür. Ein Blick auf die Uhr, gepaart mit haarscharfen Kombinationssinn verriet mir: "Das muss der Nachbarsjunge sein" und ich bewegte mich keinen Zentimeter aus meinen Büchern, in die ich gerade vertieft war. Cedric, mein Ältester, 12 Jahre, lief zur Gegensprechanlage.

"Hallo?"
"---"
"Ja, komm erst mal rein, es regnet!"

Natürlich hatte ich Recht: Es war Kevin (ich verkneife mir an dieser Stelle dumme Witze über die Namen "Dennis", "Justin" oder "Kevin"), der Junge aus dem Haus nebenan. Und natürlich schien er durch den Garten gegangen zu sein. Das schmatzende Geräusch, das die Schuhe von sich gaben, als sie über den Laminat schlitterten ließen keinen Zweifel daran. Ich blickte aus dem Fenster. Der Garten hat sich in den letzten Regentagen zu einem grün-braunen Matschfeld verwandelt und mit jedem seiner Schritte betete ich, dass die Werbung der Bodenpflege halten möge, was sie versprach.

Vertraue niemals auf die Erziehung. Es gibt keine missratenen Kinder, es gibt nur missratene Eltern.

Ich stand auf und sah mir das Dilemma an. Fast keifend sagte ich "Sag mal, Kevin... muss das sein? Kannst du deine Schuhe nicht ausziehen?" (eine angeborene Intelligenz sollte meines Erachtens schon ausreichen, um dieses nachvollziehen zu können), aber Kevin sagte "Warum? Ich wollte doch nur Cedric und Nick abholen, bin doch sofort wieder weg!" (Nun gut, vergessen wir das mit der Intelligenz). In Gedanken fügte ich ein "Ja, dann sieh zu, dass du den Dreck mitnimmst, du Mistkröte!" hinzu, seufzte aber nur und sagte "Ja, super, aber ich darf den Dreck wischen, oder wie stelllst du dir das vor?"

Cedric sagte "Hm... ja... hm... also hm... ich komme später vielleicht auch raus".
Nick, mein anderer Sohn, 10 Jahre, sagte "Pffft! Ich bin doch nicht bekloppt! Es regnet. Ne, danke... ich habe keinen Bock draußen zu spielen!" - woraufhin Cedric sich die Hand vor den Mund schlug und murmelte "Aber... aber das sagt man doch so nicht! Das ist aber unhöflich".

Kevin murmelte ein "Ooookay... dann vielleicht bis später!" und verschwand auf selbigem Wege, wie er reinkam. Und nein, natürlich hat er den Dreck nicht weggeputzt. Und nein, natürlich hatte die Werbung maßlos übertrieben.

Summa summarum kann man sagen, dass meine Söhne keine Lust haben, sich bei dem Wetter wie kleine Schweinchen im Matsch zu suhlen. Der eine ist zu nett, vertröstet den Fragenden, weil er ihm nicht vor den Kopf stoßen will (Ich war früher auch so). Der andere sagt knallhart was er denkt, ohne Rücksicht auf Verluste.

Wie ich später erfuhr, bin ich die "böse Mama" - weil: Ich habe das unschuldige, kleine Nachbarskindchen angekackt (und ich wette selbiger hat ins Kissen geheult deswegen).
Jedenfalls sagte der Kevin meinen Kindern "Ich habe Angst vor eurer Mama. Die ist aber böse wegen dem bisschen Dreck" (Oh ja, Kevin - damit könntest du sogar Recht haben!!!)
Das bereitet mir aber keine schlaflosen Nächte - im Gegenteil. Wenn ich nicht einschlafen kann, stelle ich mir einfach vor, wie Kevins Mama ihr Haus schrubbt und sich darüber ärgert, dass sie ihrem Sohn nicht beigebracht hat, dass man sich die Schuhe auszieht.
Wenn ich dann immer noch nicht glückselig eingeschlafen bin, stelle ich mir vor, dass sie Teppichboden verlegt haben. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Kevins Mama dann ausgeliehene Industriesauger schwingend Teppichböden saugen.

Und dann träume ich von meiner Arbeit am Computer.

PS: Ich habe meinen Kindern gesagt, sie mögen dem Kevin doch bitte ausrichten, dass ich auch kleine Kinder fresse, wenn ich Langeweile habe.